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Wissen teilen

Falk Sippach Falk Sippach
02.12.2020

Lesezeit: 9 Minuten

Türchen #2 im arcvent(s)kalender 2020

In der Adventszeit kann man etwas zur Ruhe kommen und sowohl das vergangene Jahr Revue passieren lassen, als auch Pläne für das neue Jahr schmieden. Nun war 2020 für uns alle sehr außergewöhnlich und viele sehnen sich zur Normalität zurück. Wann das eintreten wird, lässt sich im Moment nicht wirklich vorhersagen. Über die guten Vorsätze kann man sich aber jetzt schon Gedanken machen und dieser Artikel soll dazu Anregungen liefern. Er ist sozusagen ein Meta-Beitrag, er teilt Wissen über das Thema Wissen teilen. Klingt irgendwie rekursiv und ziemlich nerdig. Tatsächlich geht es hier aber ein stückweit um meine Erfahrungen zum Lernen, im dem man das Gelernte mit anderen teilt. Dazu passt sehr schön das folgende Zitat:

Das Wissen ist das einzige Gut, das sich vermehrt, wenn man es teilt. (Marie Freifrau Ebner von Eschenbach)

Nun gibt es auch andere Dinge, die sich vermehren oder gar verdoppeln sollen, wenn man sie teilt. Liebe und Glück werden gern genannt. Albert Schweitzer taucht da bei einer schnellen Internet-Recherche als Zitat-Urheber auf. Er wurde aber fast 50 Jahre später als Marie Freifrau Ebner von Eschenbach (1830 - 1916) geboren. Sie war übrigens eine mährisch-österreichische Schriftstellerin und gehört mit ihren psychologischen Erzählungen zu den bedeutendsten deutschsprachigen Erzählern des 19. Jahrhunderts.

Wissen aneignen

Bevor man Wissen teilen kann, muss man zunächst selbst welches aufbauen. Das haben wir natürlich bereits in der Schule, bei der Ausbildung oder beim Studium gemacht. Bei vielen Berufen mag das reichen, in der IT aber eher nicht:

In wenigen Branchen dreht sich das Rad gefühlt so schnell weiter, wie bei uns. Für viele ist das aber auch gerade eine der schönen Seiten an unserem Beruf. Man bekommt es regelmäßig mit modernen Vorgehensweisen und neuen Technologien zu tun. Unsere Tätigkeit ist damit sehr abwechslungsreich und bleibt stets herausfordernd. Je besser man wird, desto einfacher fällt die Arbeit zudem und desto mehr Spaß macht sie letztlich. Und gerade darum gehört für mich die Bereitschaft zu lebenslangem Lernen einfach dazu. Ich möchte das nicht mehr missen, auch wenn meine Pläne ursprünglich ganz anders aussahen.

Mein Weg zum stets Lernenden

Als Jugendlicher hatte ich im Gegensatz zu vielen Gleichaltrigen zwar grundsätzlich Interesse, aber leider wenig Berührungspunkte zu Computern. Atari, Amiga, C64 und Co. sind an mir fast komplett vorüber gegangen, auch wenn ich ab und zu bei einem Freund mal etwas spielen durfte. Erst spät in der Schulzeit kam ich bei einer Projektwoche mit Programmierung in Berührung. Da haben wir rote LEDs über die parallele Schnittstelle eines PCs zum Leuchten gebracht. Das hat mich so fasziniert, dass wir auch zu Hause einen ersten PC anschafften, einen 486er mit 25 MHz Taktfrequenz von Vobis. In den letzten beiden Schuljahren habe ich dann im Informatik-Unterricht Turbo Pascal kennengelernt und wollte eigentlich ein Studium in dieser Richtung beginnen.

Aber es kam anders, ich begann ein Bauingenieurstudium. Die Computerwelt lies mich trotzdem nicht los. Und so zweifelte ich schnell an meiner Studienwahl, wollte es allerdings nicht abbrechen. Mit der Studienrichtung Bauinformatik fand ich einen Kompromiß und nun arbeite ich seit über 15 Jahren in der Branche, zunächst als Entwickler, später als Trainer, Berater und Projektleiter. Mittlerweile bin ich als Softwarearchitekt bei embarc angekommen.

Aufgrund meines Quereinstiegs hatte ich von Anfang das Gefühl, dass ich noch so viel lernen muss. Das treibt mich bis heute an und ist der Grund für die Freude an meinem Beruf. Ich hatte das Glück, lange bei einer Firma zu arbeiten, wo die Weiterbildung der Kollegen einen hohen Stellenwert hatte und als notwendige Maßnahme für hohe Mitarbeiterzufriedenheit und stabile Kundenbeziehungen angesehen wurde. Allerdings unterschied sich der Ansatz deutlich von dem einfachen Konsumieren bei Schulungsteilnahmen und Konferenzbesuchen. Vielmehr waren wir angehalten, selbst Schulungen zu geben, Vorträge (intern und auch auf Konferenzen) zu halten und Artikel und Blog-Posts zu schreiben. Bei embarc kann ich diesen Weg konsequent fortsetzen. Und da spannt sich wieder der Bogen zum eigentlichen Thema.

Learning by Teaching

Wissen konsumieren wir irgendwie alle, sei es bei Weiterbildungsmaßnahmen oder der täglichen Recherche im Internet über Google, Stackoverflow und Co. Der Schritt vom Wissenskonsumenten zum -produzenten ist nicht ganz leicht. Man muss aus sich herausgehen, sich trauen vor Menschen aufzutreten oder sogar oben auf einer Bühne zu stehen. Man muss sich motivieren, seine Erfahrungen und Ideen schriftlich festzuhalten. Man muss überhaupt erstmal das Gefühl haben, dass die eigenen Gedanken für andere wertvoll sein könnten. Dabei ist der Mehrwert schon dadurch gegeben, dass man das Wissen für andere aufbereitet und sich so selbst viel intensiver damit beschäftigen muss. Begeisterte Leser, Zuhörer oder Teilnehmer sind dann ein weiterer, natürlich positiver Nebeneffekt.

The more you teach, the better you learn. Teaching is a powerful tool to learning. (Richard Feynman)

Dem stimme ich absolut zu. Man muss sich selbst viel intensiver mit einem Thema beschäftigen und es aus unterschiedlichen Blickwinkeln, also auch aus der Perspektive der Konsumenten betrachten, wenn man die grundlegenden Ideen in die Köpfe von anderen bringen möchte. Wiederholungen bei erneuten Auftritten und das Einarbeiten von Feedback lassen unser Wissen reifen und unsere Wissensvermittlung iterativ besser werden. Man sagt auch, Lehren ist wie zweimal Lernen. Und tatsächlich wurde in Studien nachgewiesen, dass der Unterschied zwischen dem einfachen Zuhören bzw. Lesen von Informationen im Vergleich zum Vermitteln von Inhalten, immens ist. Das folgende Twitter-Fundstück zeigt die Erfolgsquoten der unterschiedlichen Lernansätze:

Lernerfolgsquoten

Loslegen lässt es sich übrigens ganz leicht, zum Beispiel mit einem eigenen Blog oder bei ersten internen Präsentationen vor Kollegen. Der Weg ist letztlich aber lang und teilweise auch steinig. Aber getreu dem Motto “Der Weg ist das Ziel” geht es gar nicht darum, irgendwann angekommen zu sein. Vielmehr ist es ein stetiger Prozess des Wissenaufbaus. Und andere teilhaben zu lassen, bringt jede Menge Vorteile:

Es steckt aber auch viel Arbeit dahinter und man muss Einsatz zeigen. Einige haben das Glück, dass es Teil der täglichen Arbeit ist. Andere werden auch etwas Freizeit dafür opfern müssen. Aber nicht vergessen, es macht ja auch Spaß und viele von uns haben doch sowieso ihr Hobby zum Beruf gemacht. Starten kann man mit den üblichen Schulungs- und Konferenzbesuchen. Bei Usergroup Treffen wird man sich zudem mit Gleichgesinnten vernetzen, von anderen lernen, Ideen für eigene Projekte sammeln und das Gefühl bekommen, dass das eigene Wissen auch für andere sehr wertvoll sein kann. Im Büro kann man Mentor für die jüngeren, sowie Diskussions- bzw. Sparringspartner für die erfahrenen Kollegen sein. Man kann sich in Diskussionen im firmeninternen Chat oder Mailverteiler einbringen und die Erkenntnisse aus dem letzten Projekt oder durch die Arbeit mit einem neuen Framework bei einem Vortrag mit den Arbeitskollegen teilen.

Damit hat man bereits den wichtigsten Schritt gewagt. Man hat seine Komfortzone verlassen. Vom stillen Zuhörer und Konsumierer geht man über zum Wissensteiler. Als nächstes kann man beginnen, Blog-Posts zu schreiben. Auch wenn das womöglich (noch) nicht viele lesen werden, hilft es einem zunächst mal selbst. Man darf da ruhig auch etwas egoistisch sein, wenn man die eigenen Texte als Nachschlagewerk nutzt. Schließlich kann man sich nicht alles merken. Muss man aber auch nicht, man muss ja nur wissen, wo es steht. Außerdem hat man so auch bereits einige interessante Themen im Portfolio angesammelt. Diese können im nächsten Schritt bei einer User Group oder so gar bei einer Konferenz eingereicht werden. Ab da hat man es erstmal nicht mehr in der Hand, die Programmverantwortlichen müssen entscheiden. Von möglichen Fehlschlägen darf man sich aber nicht entmutigen lassen. Vielmehr sollte man daraus lernen, Feedback einholen und einfach am Ball bleiben.

Man muss übrigens noch gar kein Experte in einem Wissensgebiet sein, um sich auf eine Bühne zu wagen. Man darf auch über Themen schreiben und sprechen, die scheinbar schon lange bekannt und theoretisch gut verstanden sind. Aber es wird immer wieder Leute geben, die es noch nicht kennen und sich sehr über eine Einführung oder einen Erfahrungsbericht zu dem Thema freuen. Und unser Erfahrungsschatz ist definitiv ein Ass im Ärmel, das uns kein Experte auf dieser Welt streitig machen kann. Man muss also auch keine Angst haben, als Hochstapler entlarvt zu werden. Weitere Infos dazu finden sich unter dem Begriff Impostor Syndrom.

Das Halten von Vorträgen oder das Geben von Schulungen muss man ebenfalls lernen. Es gibt nur wenige Naturtalente, welche die Bühne aus dem Stand rocken. Auch wenn es bei erfahrenen Sprechern und Trainern alles ganz einfach aussieht, so steckt doch viel Arbeit und Vorbereitungszeit dahinter. Aber die Zeit ist doppelt gut investiert, sowohl beim Vortragendenen als auch bei den Zuhörern. Man sollte dabei folgende Grundsätze im Hinterkopf behalten:

Ich habe mittlerweile 15 Jahre Erfahrung beim Knowledge Sharing gesammelt und bin noch weit davon entfernt, perfekt zu sein. Und so muss ich mir selbst immer wieder die oben genannten Grundsätze in Erinnerung rufen. Jeder neue Artikel, jeder neue Vortrag muss aufwändig vorbereitet werden. Die Genugtuung ist aber umso größer, wenn man später die Zeitschrift in den Händen hält oder man Applaus und positives Feedback nach einem Vortrag bekommt. Allen, die das auch erleben möchten, seien Mentorenprogramme bei Usergroups (z. B. JUG Darmstadt), Konferenzen (z. B. JavaLand Newcomer) oder für Print- und Online-Magazine (z. B. Young Professionals bei Heise) ans Herz gelegt. Da bekommt man die notwendige Unterstützung, um sich besser auf die eigentlichen Inhalte konzentrieren zu können.

Wenn man dann erste Inhalte geteilt oder sogar Bühnenluft geschnuppert hat, sollte man natürlich dran bleiben. Die positiven Effekte sprechen dabei für sich:

Probieren geht dabei über Studieren. Es wird immer jemanden geben, der an unserem Wissen und unseren Erfahrungen interessiert ist. Man muss noch kein Experte sein, man wird sich mit der Zeit aber definitiv zu einem entwickeln können. Wichtig ist, dass man authentisch bleibt und Leidenschaft mitbringt. Dann wird man seine Leser oder Zuhörer sehr einfach für sich gewinnen können.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen einen möglichst guten Start ins Jahr 2021. Und wenn wir dann noch beginnen, erworbenes Wissen zu teilen, tun wir nicht nur uns sondern auch anderen etwas Gutes. Ich freue mich auf Fragen, Diskussionen und Feedback per E-Mail oder über Twitter. Ich stehe auch als Ansprechpartner zur Verfügung, wenn jemand diesen spannenden Weg einschlagen möchte.

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